Uni-Ordner

Vom USB-Stick zur lebenden Legende - Chronik einer digitalen Nonkonformität

Anfang 2010 hab ich mit dem Kauf eines neuen PCs angefangen, alle Materialien aller Vorlesungen der vergangenen Semester systematisch zu sammeln, d.h. eigentlich nur alle Vorlesungshomepages lokal abzuspeichern und die paar wenigen eigenen erstellten Materialien (Praktikumsprotokolle, Scans, Klausurlösungen, etc. die z.T. auch per Mail reinkamen) zusammenzustellen. Die dadurch entstehende Datenmenge war verblüffend groß: Drei Semester haben 1,4GB Daten in über 6000 Dateien in 2000 Ordnern erzeugt, der überwiegende Großteil davon PDF-Dateien.

Wenige Monate später hab ich mir einen kleinen Mini-PC als Heimserver angeschafft, der dank seiner großen Festplatte unvermittelt auch als NAS seinen Dienst eintrat. Der Uni-Ordner zieht um und geht online - 24 Stunden gehostet über einen DSL-Zugang.

Im vierten Semester wurde die Idee vervollständigt, in dem fast alle Mitschriften und Übungslösungen eingescannt wurden. Für mich war das eine einfache Möglichkeit, in Mails und Chats mit Komilitonen extrem schnell, unkompliziert und passwortlos auf Materialien zu verweisen. Der Uni-Ordner war eine rein logische Konsequenz meiner dezentralisierten Arbeitsweise (ohne Notebook o.ä.): Ich hab alle Dateien jederzeit an jedem Computer mit einem Klick zur Verfügung.

Die Abwesenheit von Passwörtern und Barrieren war dabei stets ein wesentlicher Bestandteil. Nur automatisch generierte Verzeichnislistings, kein Schnickschnack. Um etwa von der Uni schneller zuzugreifen habe ich bald einen Mirror im Internet gestartet, nächtlich automatisiert synchronisiert. Jeder USB-Stick wäre langsamer gezückt als der Uni-Ordner auf dem Bildschirm erscheint.

Anfang 2011 wurde mir der Uni-Ordner aber zum Verhängnis: Ich hab es etwas zu weit getrieben, auf fragwürdigem Wege generierte Dateien online gestellt. Das Ereignis geriet in Vergessenheit und führte zwei Semester später zum Kollateralschaden: Plötzlich verfügten hunderte Studenten über Übungslösungen, in deren Besitz sie nie hätten kommen dürfen. Die Sache geriet zu Ungunsten meiner zu der Zeit geschriebenen Bachelorarbeit zum Politikum, der Institutschef ließ eine Abmahnung erwirken. Der Theo5-Vorlesung vom 22.12.2011 (Zeit 06:35) kann man exemplarisch entnehmen, wie aufgeregt das Institut tatsächlich war:

[...] Sie haben sich vielleicht gewundert, warum das Script noch nicht geupdatet wurde auf dem Server. Das wollte ich gestern abend machen - aber das ging nicht - irgendwie funktionierte mein Remote Login nicht. Und das wiederum hat den Grund, dass irgendeiner - von den superschlauen - Studenten - irgendwie unsere Accounts gehackt hatte, und nicht nur meinen, sondern auch den von Kollege Philipsen - und irgendwelche Lösungen, die er irgendwo gefunden hatte, von irgendwelchen Aufgaben, die er - also ich meine das ist alles strafbar, ja, da sind wir uns mal im Klaren drüber - die hat er dann also auf seiner Homepage, zur allgemeinen Verwendung, abgelegt - ganz toller Hecht, wahrscheinlich hat er sich viele Sympathiepunkte bei Ihnen eingeholt aber bei uns eben nicht - und deswegen haben wir jetzt komplett alle Accounts gesperrt, kommt keiner mehr ran. Dummerweise komme ich auch nicht mehr an meinen von außerhalb, deswegen konnte ich Ihnen das [Script] nicht aufladen [...]

Natürlich wurde das geklaute Material gelöscht und der Uni-Ordner ging bis auf weiteres offline. Der Uni-Ordner demaskierte eine Diskrepanz in der Physik-Lehre zwischen einem rosaroten Idealstudenten und der gängigen Praxis, Tonnen von Materialien in einer regelrechten studentischen Schattenwirtschaft untereinander auszutauschen. Schummelt sich da eine Generation von Opportunisten durchs Studium? Der schwarze Peter auf Seiten der Talare ist völlig opak. §8 der Bachelorordnung Physik 2008 besagt

Zu den Vorlesungsübungen müssen Musterlösungen in schriftlicher Form zeitnah bereitgestellt werden.

Selbstverständlich rechtfertigt die Missachtung der Ordnung keinen Diebstahl, doch der recht einseitige Umgang mit dem Vorfall lässt sich nicht von der Hand weisen.

In Zeiten von digitalen Lehrinhalten und dem technischen Unvermögen, infolge der physikalischen Gesetzmäßigkeiten heutiger Rechenmaschinen, das Kopieren digital vorliegender Informationen zu verhindern, müssen sowohl Lehrende als auch Lernende ihr Verhalten anpassen. Kein Urheberrechtsgesetz der Welt kann verhindern, dass über das Internet verbreitetes Lehrmittel seine Geltungszeit überdauern wird. Während Film- und Musikproduzenten einen Kampf gegen Windmühlen führen, ist das Problem in der Hochschullehre meines Erachtens gar nicht gegeben: Genauso wie Hörsäle der Öffentlichkeit ohne Hindernisse zugänglich sind, sollte eLearning frei von künstlichen Barrikaden sein. Das hat nichts mit Urheberrecht zu tun, sondern einzig mit der Verbreitung von Inhalten.

Besonders in höheren Semestern, mit zunehmender Spezialisierung, wird das Spektrum an Übungsaufgaben immer schmaler. Um sich nicht jedes Semester zeitaufwändig neue Aufgaben ausdenken zu müssen, ist es gängige Praxis, anzunehmen, dass Studentenjahrgänge nicht untereinander kommunizieren. Der Uni-Ordner führte diesen Lehransatz öffentlich ad Absurdum. Ein ehrlicher Umgang mit dem Problem der beschränkten Aufgaben wäre der Appell an die Lernenden, eben ihr Verhalten an die heutige Situation mit digitalen Lehrinhalten anzupassen. Und das bedeutet im einfachsten Fall: Alle Übungsaufgaben sind mit allen Musterlösungen jederzeit zugänglich. Es obliegt dem Studenten, ungeeignete Prüfungskriterien nicht durch Erschleichung zu vollbringen, sondern Physik aus Interesse am Fach selbst zu studieren, was im Zweifelsfall bedeutet, Übungslösungen nur zur Kontrolle oder für den Lernprozess selber zu verwenden. Nur diese Form des eigenverantwortlichen Lernens ist realistisch. Alles andere ist Gängelung von Studenten und Augenverschließen vor der Wirklichkeit.

Doch es sind gar nicht die offiziellen Lehrmaterialien vergangener Semester, die den überwiegenden Großteil des Uni-Ordners ausmachten, sondern die mit eigener Hand angefertigten Mitschriften, Protokolle, Übungen. Ich sah es nicht ein, mein eigen Fleiß und Blut offline zu nehmen.

Im Februar 2012 hab ich also ein filigranes Rechtesystem (technisch als Webserver-Erweiterung mit mod_perl) entwickelt, welches auf Dateiniveau freie, selbsterstellte Lernmaterialien passwortlos zugänglich macht, während es urheberrechtlich geschützte Materialien mit dem Recht auf eine private Kopie einer beschränkten Lerngruppe nur mit Benutzer/Passwort-Kombination Zugriff genehmigt. Damit wurde eine kollaborativere Arbeitsplattform erzeugt, auf der eine kleine Lerngruppe Inhalte beiträgt und dadurch Zugriff erhält.

Heute (Ende 2012) umfasst das Archiv mehr als 10.000 Dateien, über 6GB an Umfang, was im Schnitt 600kB/Dokument (typischerweise ein PDF à 4 Seiten) darstellt, kumuliert also etwa 40.000 DIN A4-Seiten Gesamtumfang.

Das Original des Uni-Ordners wird auf einem Heimserver gespeichert. Um die Verbindung zu entlasten, wurde ein Mirror (Spiegelserver) aufgesetzt.

Original (0,5Mbit)
ProtokollAdresse
HTTP http://svenk.dyndns.org/uni
HTTPS https://svenk.dyndns.org/uni
Mirrors (100Mbit)
ProtokollAdresse
HTTP http://sven.köppel.org/uni
WebDAV http://sven.köppel.org/uni

Warum den Mirror benutzen?

Auf dem Spiegelserver kann man 200 mal schneller die gewünschten Daten runterladen. Nutzt diese Möglichkeit! Jeder, der über meinen DSL-Zugang Dateien runterlädt, blockiert ihn quasi instantan. Sollte mich das in meinem Arbeitsfluss behindern, seh ich mich gezwungen den lokalen Service abzuschalten.

Aktuell (Apri 2012): Ich leite alle alten Semester automatisch auf meinen Mirror weiter, weil sich dort sowieso nichts mehr ändert.

Ganze Ordner runterladen oder spiegeln

Um etwa ganze Ordnerstrukturen runterzuladen, bequemer zu navigieren oder einfach die Inhalte selbst zu "besitzen", steht WebDAV (nur Lesezugriff) zur Verfügung. Wie krieg ich WebDAV-Zugriff für mein System?

Informationen über diese Installation

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Einige Bücher vom vierten Semester - auf zur Bibliothek